Komm mir nah, doch bleib mir fern

Eine glückliche Beziehung wünschen sich fast alle Menschen – aber bei vielen klappt es einfach nicht. Manche verlieben sich immer in die Falschen. Bei anderen zerbricht die Beziehung, wenn sie enger wird. Wieder andere leben zwar in einer Partnerschaft, fühlen sich aber trotzdem allein. Was läuft da schief?

Wer kennt sie nicht, die klassischen Sätze der Beziehungsvermeider: „Tut mir leid, aber ich bin noch nicht so weit“. „Ich liebe dich, möchte mich aber nicht binden“. „Ich brauche meinen Freiraum, eine feste Beziehung engt mich zu sehr ein.“ Peng! Es tut weh, wenn man sich verliebt und der andere geht auf Distanz. Doch wir müssen akzeptieren: Bei bestimmten Menschen schrillen die Alarmglocken, sobald Gefühle im Spiel sind. Sie finden die abenteuerlichsten Ausflüchte, um sich vor einer engen Bindung zu drücken.
Ob aus Filmen, Büchern oder dem eigenen Leben – jedem von uns sind diese Typen geläufig. Der Lonesome Cowboy, der nachts auf der Suche nach einem Abenteuer durch die Kneipen tigert. Die unabhängige Karrierefrau, der es keiner recht machen kann. Der überzeugte Single, der seine Affären als Lebenskunst proklamiert oder der Hobbyphilosoph, der sich hinter seiner Ideologie von Unabhängigkeit und Freiheit verschanzt.

Von der Angst, etwas zu verpassen

Menschen mit Bindungsangst hören nie auf, ihren Freiheitsdrang zu betonen. Da kann schon eine Fernbeziehungen Angst machen. Solche Menschen wurschteln beziehungsmäßig gern unverbindlich vor sich hin, frei von Reflexion und tieferen Einsichten, ohne sich wirklich Gedanken zu machen, dass mit ihnen etwas nicht stimmen könnte.
Tatsächlich ist das Phänomen Bindungsangst heute so weit verbreitet, dass wir es kaum noch als Störung wahrnehmen. Hinzu kommt: Es spielt gern Versteck. „Nie kannst du dich mal committen“, wirft man leichthin dem Gegenüber vor, das sich ständig um verbindliche Zusagen drückt. Die neueste Variante grassiert vor allem bei jungen Menschen, die viel in Partnerbörsen unterwegs sind: 56 Prozent von ihnen kennen FOMO, kurz für fear of missing out. Gemeint ist die Angst, etwas zu verpassen, wenn man sich ernsthaft auf jemand einlässt – wer weiß, vielleicht taucht beim nächsten Klick ja noch etwas Besseres auf. So oder anders eiern Menschen mit einer Bindungsstörung um eine allzu feste Beziehung herum. Ganz verprellen wollen sie den Partner natürlich nicht, nur zu nah, zu fest, zu gefühlvoll darf es nicht werden. Und wenn, dann bitte mit offener Hintertür. Im Ausbüchsen sind sie nämlich Meister.

Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz

Grundsätzlich bestimmt der Bindungsängstliche allein, wie viel Nähe und Distanz er in der Beziehung zulässt. Da wird er zum Kontrollfreak. Ein Partner, der sich mehr Nähe und Verbindlichkeit wünscht, bleibt ohnmächtig zurück. Da hilft kein bitten, betteln und drohen – Bindungsängstliche gehen so gut wie keine Kompromisse ein. Ihre Partner machen dadurch Erfahrungen heftigster Hilflosigkeit, weil sie keinen Weg finden, ihrem geliebten Bindungsängstlichen näher zu kommen. Egal, was sie tun, ihre Anstrengungen laufen ins Leere oder sind höchstens von kurzfristigen Erfolgen gekrönt.
Das Ergebnis: Einsam in der Zweisamkeit – das Miteinander kommt in jeder Hinsicht zu kurz. „Man kriegt immer nur die Vorspeise, nie den Hauptgang, man wird angefüttert und bleibt ewig liebeshungrig“, sagt die Bestsellerautorin und Psychologin Stefanie Stahl, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt. Hinzu komme die Hoffnung, irgendwann doch noch mal satt zu werden – genau der frustrierende Mix, aus dem eine Abhängigkeit entsteht.

Der Jäger, die Prinzessin, der Maurer: Die 3 Grundtypen von Bindungsvermeidern

Stefanie Stahl hat drei Grundtypen von Bindungsvermeidern ausgemacht, deren Verhalten sich im realen Leben allerdings oft vermischt:

  1. Der Jäger: „Ich liebe dich, solange ich dich nicht kriege“
    Das Leben des Jägers ist von vielen Beziehungen und Affären durchzogen. Nach einer leidenschaftlichen Nacht verschwindet er meist schon vor dem Frühstück. Meist beendet er die Beziehung, sobald eine Heirat oder ein Kinderwunsch im Raum stehen. Manche von ihnen haben aber auch schon eine oder mehrere Ehen hinter sich, doch auch hier das Gleiche: Nach innigen, intimen Momenten braucht er wieder Abstand. Beim Erobern ist der Jäger aber unschlagbar. Seine typischen Kennzeichen sind: Charme, Umgänglichkeit und eine sehr geringe Kränkbarkeit. Er reagiert nie böse auf Zurückweisungen. Im Gegenteil: Die Abfuhr steigert seinen Jagdtrieb. Sein langer Atem in der Verfolgung seines Ziels lässt bei der umworbenen Person den Eindruck entstehen, der andere meine es tatsächlich ernst. Das stimmt auch, aber nur so lange, bis der oder die Gejagte ernsthaft Interesse an einer Beziehung zeigt. Dann schwindet schnell das Liebesgefühl des Jägers. Einen Partner, den er sicher hat, verliert für ihn schnell an Attraktivität. Häufiges Anzeichen ist dann ein nachlassendes erotische Verlangen. Der Jäger verliert schlichtweg die Lust – zumindest auf den eigenen Partner. Andere werden umso anziehender empfunden. Oft entstehen Dreiecksbeziehungen oder Affären.
    Gerti Samel

Zum Weiterlesen:
Stefanie Stahl, Vom Jein zum Ja!, Bindungsängste erkennen und bewältigen, Kailash Verlag, 15 Euro

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer bewusster leben Ausgabe 4/2023

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