Wie ein verborgenes Licht liegt in uns eine reiche Welt eigener Bilder. Sie ist voller Schönheit. manchmal auch voller Schrecken. Immer aber hilft sie uns zu leben.
Eine Waldhütte irgendwo in Dänemark: Sonnenstrahlen fallen durch lichtgrünes Laub, tanzen auf den Wellen eines nahen Sees und schicken ein Funkeln durchs Geäst. Vogelgesang, hier und da ein Eichhörnchen, ab und zu ein Reh. Hier kann sie bleiben, eine Woche oder zwei, ganz allein mit sich und der Natur. Dann kehrt sie zurück zu ihrer Familie, in ihren Beruf, in ihr ganz normales Leben, das sie liebt, aber das sie manchmal an die Grenzen ihrer Kräfte bringt und gelegentlich auch darüber hinaus …
Wie uns innere Bilder tragen und trösten können
Sie ist nicht nach Dänemark gereist, wird es vielleicht niemals; sie weiß nicht einmal, ob es so eine Hütte an einem solchen Ort überhaupt gibt – und wieso ausgerechnet Dänemark? Aber als sie irgendwann am Ende von einem jener Tage, von denen sie sich wünschte, sie wären bloß ein böser Traum, entnervt, erschöpft und am Rande der Verzweiflung im Bett lag, stieg dieses Bild als Trost in ihr auf. Sie ließ sich ganz hineinfallen und spürte, wie es sie nährte, belebte und tröstete. Sie weiß sehr wohl, dass es kein Ersatz ist für wirkliche Ruhe und Konflikte nicht einfach auflöst, aber dieses innere Bild schenkt ihr immer wieder einen Rückzugsort, der ihr hilft, ihren anstrengenden Alltag zu bewältigen.
Solche inneren Bilder, die uns tragen, trösten und Kraft schenken, liegen in uns allen. Selten sind sie realistisch, eher wollen sie als Symbole über den Verstand hinausweisen und uns mit inneren Quellen verbinden. Für den Philosophen Hans Blumenberg etwa war der Löwe ein solches Bild. Sibylle Lewitscharoff schreibt in ihrem Roman
über das Leben des großen Denkers: „Der Löwe war gekommen, ihn in seinem Wesen zu hegen, wie dies kein Mensch vorher für ihn getan hatte.“ Zum ersten Mal steigt sein Bild nämlich ausgerechnet dann in Blumenberg auf, als er einen Vortrag über die Trostbedürftigkeit des Menschen bei dessen gleichzeitiger Trostunfähigkeit vorbereitet.
Diese Trostunfähigkeit führt Blumenberg darauf zurück, dass der Mensch „die Wunschherrschaften und die Fähigkeit zur Illusion“ aufgegeben habe. Augenblicklich belehrt ihn sein Löwe eines Besseren und erinnert ihn an das,
was Robert Musil den „Möglichkeitssinn“ des Menschen nennt. Im Gegensatz zum Wirklichkeitssinn, der feststellt, was ist, erfindet der Möglichkeitssinn das, was sein könnte, und ermöglicht so denen, die ihn sich zunutze machen, „anders und besser Mensch zu sein“.
Äußere und innere Bilder
Doch wieso benutzen wir eigentlich so selten unseren Möglichkeitssinn? Was verstellt uns den Zugang zu unserer inneren Bilderwelt? Es ist wohl so, dass die Bilderflut von außen unser Inneres überschwemmt hat. „Noch niemals sind im Alltag so viele Bilder auf uns eingeströmt wie heute“, stellt der Benediktinermönch Anselm Grün fest. Das Fernsehen überflutet uns mit optischen Reizen auf allen Kanälen. Überall im öffentlichen Raum springt uns Werbung an und buhlt um das kostbare Gut unserer Aufmerksamkeit. Von der Bilderflut im Internet ganz zu schweigen. Einen Wettbewerb um das beste Zeitungslayout gewann vor Kurzem ausgerechnet ein Blatt, das Bildern besonders viel Raum gewährt. Ganz abgesehen vom oft fragwürdigen Inhalt dieser Bilder, ist allein ihre Menge eine Überforderung. Es fällt uns immer schwerer, zu entscheiden, was uns guttut und was uns krank macht. Deshalb rät Anselm Grün mit den Worten des Malers Paul Gauguin zur bewussten Bilderaskese: „Man muss die Augen schließen, um wirklich sehen zu können.“ Denn „die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die sehr lange vor dem Fernseher sitzen oder im Internet surfen, in ihrer Arbeit und in der Bewältigung ihres Lebens passiver sind als andere. Die Tatsache, dass sie sich ständig von äußeren Bildern berieseln lassen, schneidet sie von inneren Bildern ab.“
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